UnZiele: Beseelte Ziele, die von Herzen kommen statt vom Kopf

Was UnZiele (beseelte Ziele) sind, wie sie sich von Verstandeszielen unterscheiden und wie du mit dem UnZiele-Check prüfst, ob dein Ziel wirklich deins ist.

„UnZiele? Was ist denn das für ein bescheuertes Kunstwort? Sind UnZiele gar keine Ziele? Geht es gar nicht darum, sie zu erreichen?“, fragte mich kürzlich im Café eine geschätzte Kollegin. Dass UnZiele mehr sein sollten als die klassischen Ziele, wie sie sie aus ihrem täglichen Betriebsalltag kannte, wollte ihr so gar nicht ins Bild passen.

Ich habe an dem Nachmittag ziemlich viel erklärt, mit Skizzen auf Servietten und kalt gewordenem Kaffee. Dieser Artikel ist die aufgeräumte Fassung dieser Antwort, inklusive eines Selbstchecks, den es damals im Café noch nicht gab.

UnZiele sind Ziele. Und noch etwas mehr.

UnZiele sind Ziele. Keine Frage. Wenn du Techniken der Zieleverfolgung, des Zeitmanagements oder gar des agilen Projektmanagements kennst, wirst du hier viel Vertrautes wiederfinden. All diese Techniken sind seit Jahren bewährt und funktionieren; lange genug habe ich selbst als Projektmanager mit ihnen gearbeitet. Doch ihnen fehlt das Herz. Sie haben keine Seele. Das ändern die UnZiele.

Hä? Was nun bitte???

OK, ich fange da an, wo der Begriff herkommt. Er ist bei uns auf einer kleinen Konferenz entstanden, der UnZiele-Konferenz, einem Format, das wir bei zieltraum entwickelt haben. Die Menschen dort sollten keine Ziele präsentieren, sondern ihre Richtung herausfinden. Ohne SMART-Kriterien und Business Cases, nur mit der Frage: Was willst du wirklich?

Was dabei entstand, waren keine Präzisionsziele. Es waren Bilder, Gefühle, Sätze wie „Ich will morgens aufwachen und wissen, warum.“ Oder: „Ich will meiner Tochter etwas hinterlassen, worauf ich stolz bin.“ Oder schlicht: „Ich will weniger lügen.“

Diese Ziele haben keinen Abgabetermin und kein Messprotokoll, aber sie haben etwas, das SMART-Ziele allein nicht liefern: Zugkraft. Sie ziehen dich, anstatt dass du dich schiebst. Wir nennen sie UnZiele, nicht weil sie das Gegenteil von Zielen sind, sondern weil sie das Gegenteil von aufgezwungenen Zielen sind.

Ziele as usual

Klassische Ziele sind Kopfsache. Wir nehmen uns verstandesgemäß und logisch ein Vorhaben vor (oder bekommen es von unserem Chef serviert), zerlegen es in Meilensteine und Aufgaben und beginnen es umzusetzen. Zwischendrin gibt es mehr oder weniger große Motivations-Tiefs, und irgendwann ist es erreicht oder eben nicht. Wenn mal ein schlechter Tag ist, motivieren wir uns mit „zumindest bekomme ich genug Schmerzensgeld“ oder machen gleich krank.

Ob wir solche Ziele erreichen oder nicht, berührt uns selten wirklich. Klar ist es netter, wenn ein Ziel erreicht wird, in manchen Firmen gibt es dafür sogar eine Belohnung für die Abteilung. Doch die meisten Ziele werden sowieso verfehlt, besonders in der Form, in der sie einst gesetzt wurden. Neues Projekt, neue Ziele, dazu Zielvereinbarungen mit dem Chef, Vertriebsziele, Projektziele. Ziele sind allgegenwärtig, und im daily Business helfen sie uns, Erfolge zu messen und auf Kurs zu bleiben.

Mich beschäftigt allerdings, wie parallel zum Siegeszug der Ziele auch Burnout, chronische Erschöpfung und Depression zum Dauerthema geworden sind. Beweisen kann ich den Zusammenhang nicht, beobachten schon. Anscheinend laugen Ziele im Business aus und lassen Menschen als leere, frustrierte und energielose Hüllen zurück. Ich nenne sie meist Ziele-Zombies: Menschen, die Zielen hinterherlaufen, in denen nichts mehr von ihnen selbst steckt.

Franz war so einer.

Franz hat das auf dem Weg aus einem Burnout begriffen, nicht in einem Seminar. Sein Körper hat gestoppt, was sein Kopf nicht stoppen wollte: eine Karriere, die eigentlich nicht seine war. Seine Frage trifft den Kern dieses Artikels.

UnZiel vs. Verstandesziel

Ein Verstandesziel klingt oft vernünftig. „Ich will Abteilungsleiter werden.“ „Ich will fünf Kilo abnehmen.“ „Ich will endlich meinen Keller aufräumen.“ Alles nicht schlecht. Aber wenn hinter diesen Zielen keine echte Sehnsucht steckt, kein Warum, das dich nachts wach hält, dann wirst du sie vermutlich entweder nicht erreichen oder dich beim Erreichen leer fühlen.

Franz hat genau das erlebt. Er wurde Abteilungsleiter. Und fragte sich am ersten Arbeitstag in seinem neuen Büro: Warum freue ich mich nicht?

Alles beginnt mit Fragen

Bei den UnZielen beginnt alles mit Fragen wie:

  • „Warum willst du das erreichen?“
  • „Was verändert es in deinem Leben, wenn du dieses Ziel erreichst?“
  • „Welches Bedürfnis versteckt sich hinter diesem Ziel?“

Fragen, die im Business als irrelevant gelten. Ich halte sie inzwischen für die wichtigsten überhaupt. Wer selbst begreift, wieso er ein Ziel wirklich erreichen will, steht auch an hässlichen Tagen auf (und ganz ehrlich: Die kennt jeder von uns. Du nicht?) und arbeitet weiter an seinem Ziel. Solche Fragen helfen, Rückschläge zu akzeptieren und schwere Entscheidungen zu treffen, weil sie die Motivation freilegen, die unter dem Ziel liegt.

Nur beantwortet man solche Fragen schlecht nebenbei im Kopf, während man einen Text liest. Deshalb habe ich sie dir in einen Selbstcheck gepackt.

Der UnZiele-Check

Nimm dir ein konkretes Ziel vor, das dich gerade beschäftigt. Die Beförderung, das Buch, die zehn Kilo, das eigene Business, ganz gleich. Schreib es in einem Satz auf. Dann gehst du die zwölf Aussagen unten durch und vergibst pro Aussage Punkte: stimmt zählt 2 Punkte, teils zählt 1 Punkt, stimmt nicht zählt 0 Punkte. Zehn Minuten, Stift, Papier, keine Zeugen. Ehrlichkeit lohnt sich hier mehr als ein gutes Ergebnis.

  1. Ich würde dieses Ziel auch verfolgen, wenn nie jemand davon erfahren würde: kein Chef, keine Familie, kein Feed.
  2. Ich kann in einem Satz sagen, warum ich es erreichen will, ohne das Wort „sollte“ zu benutzen.
  3. Wenn ich an das Ziel denke, sagt mein innerer Satz „Ich will“ und kein „Ich müsste mal“.
  4. Ich kenne das Bedürfnis, das hinter diesem Ziel steckt.
  5. Die Arbeit daran gibt mir öfter Energie, als sie mir welche nimmt.
  6. Auch an einem richtig schlechten Tag fällt mir ein Grund ein weiterzumachen, der nichts mit Pflicht, Angst oder schlechtem Gewissen zu tun hat.
  7. Das Ziel passt zu dem, was mir wirklich wichtig ist, und nicht bloß zu meinem Lebenslauf.
  8. Es wurde mir von niemandem serviert, weder vom Chef noch von der Familie noch vom Vergleich mit anderen.
  9. Ein Rückschlag auf dem Weg wäre für mich eine Information über den Weg, keine Blamage.
  10. Wenn ich mir vorstelle, das Ziel erreicht zu haben, spüre ich Vorfreude im Körper und nicht nur die Erleichterung, endlich abhaken zu dürfen.
  11. Das Ziel berührt eine Sehnsucht, die ich schon lange kenne, vielleicht seit meiner Jugend.
  12. Ich würde daran arbeiten, auch wenn es dafür keine Belohnung, keinen Titel und kein Lob gäbe.

Zähl deine Punkte zusammen. Mehr als 24 können es nicht werden, weniger als 0 auch nicht. Und bevor du weiterliest: Der Check ist eine Momentaufnahme aus deiner eigenen Feder, kein Labortest. Er zeigt dir eine Richtung, entscheiden musst du selbst.

0 bis 8 Punkte: Zombie-Verdacht

Dein Ziel trägt vermutlich fremde Handschrift. Irgendwann hat es jemand in dein Leben gestellt, ein Chef, ein Elternteil, ein Vergleich, und du hast es übernommen, ohne es je zu unterschreiben. Das macht dich zu keinem schlechten Menschen, es macht dich zu einem normalen. Streich das Ziel trotzdem nicht sofort. Grab erst nach dem Warum: Vielleicht liegt unter der fremden Verpackung ja doch ein eigener Kern. Findest du keinen, darfst du das Ziel würdevoll verabschieden; das ist kein Scheitern, das ist Platz schaffen. Was stattdessen auf deiner inneren Landkarte steht, ist dann die spannendere Frage, und die Fünf-Fragen-Übung weiter unten hilft dir beim Suchen.

9 bis 16 Punkte: Mischform

Bei dir liegen echter Kern und fremde Verpackung übereinander, oder umgekehrt: ein übernommenes Ziel, in das sich etwas Eigenes geschlichen hat. Das ist der häufigste Fall, den ich in Coachings sehe. Schau dir die Aussagen an, bei denen du 0 Punkte vergeben hast; genau dort sitzt die Reibung. Oft lässt sich ein Mischform-Ziel retten, indem du es umformulierst, bis es zu deinen Werten passt statt zu deinem Lebenslauf. Und manchmal arbeitet auch ein innerer Widersacher dagegen, der gute Gründe hat. Beides herauszufinden lohnt sich, bevor du weiter Kraft investierst.

17 bis 24 Punkte: UnZiel

Dein Ziel zieht dich, du musst dich nicht schieben. Genau dafür gibt es das Wort UnZiel. Meine Empfehlung: Gib ihm jetzt Struktur. Der Abschnitt zu SMART weiter unten erklärt, warum Messbarkeit einem beseelten Ziel nicht schadet, sondern ihm ein Fahrzeug baut. Und wenn du wissen willst, wohin dieser Weg insgesamt führt, lies danach den Überblick über den Zieltraum am Ende dieses Artikels.

Absichten statt Ziele

Dee Stolla beschreibt in ihrem Gastbeitrag hier auf zieltraum, wie sie für sich selbst irgendwann aufgehört hat, Ziele zu verfolgen, und seitdem mit Absichten arbeitet. Eine Absicht ist dort kein Endpunkt, den man erreichen muss, sondern „eine Ausrichtung für mein Leben oder eine Einladung, dass etwas in mein Leben kommen darf“.

Dieser Weg ist nicht für jeden. Er braucht viel innere Reife und Toleranz für Offenheit.

Denn was dahinter steckt, ist das Herzstück von UnZielen: Statt zu fragen, was du erreichen willst, fragst du, wer du sein willst und was dann von selbst folgt. Werte klingen abstrakt, aber sie sind das Material, aus dem UnZiele gebaut sind. Wenn du weißt, was dir wirklich wichtig ist, entstehen UnZiele fast von selbst.

Entdecke dein UnZiel

Der Check oben prüft ein Ziel, das du schon hast. Die Übung hier sucht in die andere Richtung: nach dem Ziel, das du vielleicht noch gar nicht formuliert hast. Falls dir auf die Fragen erst mal gar nichts einfällt, ist das übrigens normal; warum die Antwort auf „Was will ich?“ so schwer ist, füllt einen eigenen Artikel.

Eine weitere Fundgrube sind deine Jugendträume. Vielleicht erinnerst du dich noch an die Träume und Wünsche von damals? Klar kann nicht jeder Junge Feuerwehrmann und nicht jedes Mädchen Primaballerina werden. Doch wenn du tiefer hineingehst in diese Träume: Kannst du Gemeinsamkeiten erkennen? Tiefe Sehnsüchte, die du bis heute in dir trägst und vor dir versteckst?

UnZiele sind beseelte Ziele. Sie werden nicht einfach gesetzt, sie werden gefunden, weil sie schon lange in uns stecken. Zahlen und Erfolg stehen dabei hinten an; verhandelt wird die Bedeutung deines Lebens. Denn wahres Glück findet sich auf deinem Herzensweg, davon bin ich überzeugt. Ob das bei dir genauso ist, findest du nur selbst heraus.

UnZiele + SMART = volle Kraft

Die häufigste Verwechslung, die wir auf der UnZiele-Konferenz erlebt haben: Menschen denken, UnZiele seien das Gegenteil von SMART-Zielen. Sind sie aber nicht. UnZiele sind die Richtung, SMART ist das Fahrzeug.

Klar kannst du mit SMART jedes Ziel messbar machen, und das machen wir auch bei zieltraum im Jahresprogramm. Allerdings bekommt SMART eine ganz andere Wirkung, wenn deine Werte, deine Widersacher und deine Bedürfnisse zuvor beachtet wurden und dein Ziel zu ihnen passt. Dann machst du aus deiner Sehnsucht einen Plan, aus deinem Herzens-Ziel einen ersten Schritt, den du morgen früh gehen kannst. Ohne UnZiel gibt SMART dir Tempo in die falsche Richtung. Mit UnZiel gibt es dir Tempo in deine Richtung.

Franz hat das begriffen. Heute, ein Jahr nach dem Ende seiner Reha, ist er kein Abteilungsleiter mehr. Er arbeitet als Mentor in einem Handwerksbetrieb, bildet Azubis aus, kommt jeden Abend mit dreckigen Händen nach Hause und wacht morgens auf und weiß, warum.

Sein UnZiel war nie eine Beförderung. Es war: sichtbar machen, was in Menschen steckt.

Das braucht kein SMART-Kriterium, nur Ehrlichkeit.

Kais UnZiel und was ihn dorthin geführt hat

Kais vollständige Geschichte, von der Perfektion über den Widersacher bis zum UnZiel: Die Kai-Serie: Drei Artikel über Transformation

Sechs Stimmen zur Frage, ob Ziele der richtige Weg sind

Auf der UnZiele-Konferenz 2019 haben sich sechs Vortragende genau der Frage gestellt, um die es hier geht, jede und jeder aus einer anderen Richtung:

Wenn dein UnZiele-Check oben beim Zombie-Verdacht gelandet ist, fang bei Christina Emmer an; ihr Herzens-GPS beginnt genau da, wo übernommene Ziele enden. Bei einer Mischform lohnt Mark Oswald: Wer die Geschichte seines Ziels erzählen kann, merkt schnell, wessen Geschichte es eigentlich ist.


UnZiele sind das Herz des fünften Schritts im Transform-Weg. Den vollständigen Rahmen, von der ersten Absicht bis zum neuen Weg, findest du im Überblicks-Artikel „Der Zieltraum: Wenn das Leben größer wird als deine Pläne“.