Herzens-GPS: Warum ein Ziel ohne Standort sinnlos ist
Christina Emmer erklärt in ihrem Vortrag auf der UnZiele Online Konferenz 2019, warum kein Navi eine Route berechnet, solange der Startpunkt fehlt, und wie eine einfache Kreis-Übung den eigenen Standort sichtbar macht.
Auf der UnZiele Online Konferenz 2019 hielt Positionierungs-Coach Christina Emmer einen Vortrag, der bewusst quer zum Konferenzthema stand: Statt über Ziele zu sprechen, drehte sie den Blick um: hin zu der Frage, von wo aus wir eigentlich losgehen.
”Wo willst du hin?” trifft “Wo bist du eigentlich?”
Christina Emmer kennt Holger Theymann, wie sie schmunzelnd erzählt, „praktisch seit dem Sandkasten”. Ihr freundschaftlicher Streitpunkt zieht sich durch die gemeinsame Arbeit: Holger ist der Mann für die Ziele und fragt „Wo willst du hin?”, während sie die Frau für den Punkt ist, an dem du gerade stehst, und mit „Wo bist du eigentlich?” beginnt. Menschen, die behaupten, sie hätten keine Ziele, sind ihr dabei suspekt. Sie glaubt, dass wir sehr viel mehr Ziele haben, als uns bewusst ist, und dass niemand ganz ohne durchs Leben geht.
Emmer stellt sich als Positionierungs-Coach, Autorin und Bloggerin vor, die auch erotische Geschichten schreibt, ein Coach-Netzwerk gegründet hat und sich als Online-Unternehmerin versteht. Sie lebt zeitweise im Wohnmobil und war auch für diesen Vortrag live von dort zugeschaltet. Genau da kam die Idee zum „Herzens-GPS”.
Das Navi braucht mehr als ein Ziel
Ihr Bild ist das Navigationssystem. Niemand würde erwarten, dass ein Navi eine Route ausspuckt, ohne dass ein Ziel eingegeben ist. So weit, so selbstverständlich. Was wir dagegen fast schon übersehen: Das Navi funktioniert genauso wenig ohne Startpunkt. Solange es kein GPS-Signal hat und nicht weiß, wo es steht, fängt es nicht an zu rechnen und zeigt keine Route. Im Auto ist das unmöglich zu ignorieren. Im Leben aber, sagt Emmer, erlebt sie ständig, dass genau dieser Startpunkt fehlt.
Privat wie beruflich sei das Muster gleich. Wer abnehmen will, schaut sich Programme und Diäten an und was andere tun, und vergisst zu prüfen, welche Voraussetzungen er selbst mitbringt und ob dieser Weg überhaupt zu ihm passt. Beruflich setzen sich vor allem Coaches und Selbstständige große Ziele, etwa einen fünfstelligen Umsatz. Dagegen hat sie nichts, sie ist ein Fan von Zielen. Das Problem beginnt, wenn Menschen loslaufen, posten und tun, und unterwegs merken, dass der Weg nicht ihrer ist. Oft wurde ihnen ein System übergestülpt, das nicht passt („du musst E-Mail-Marketing machen”), und im Bestreben, zum Ziel zu kommen, hat niemand gefragt, was eigentlich im eigenen Rucksack steckt.
Erst der Rucksack, dann der Weg
Kein Mensch, so ihr Vergleich, würde in Sandalen den Weg über die Berge wählen. Man schaut vorher, ob man Bergschuhe dabei hat und überhaupt der Typ für die Bergwanderung ist. Sonst nimmt man eine andere Route oder ein anderes Gefährt. Welcher Weg taugt, hängt eben nicht nur von den Gegebenheiten ringsum ab, sondern davon, was man selbst mitbringt. Deshalb gehe es ihr darum, dass nicht nur das Herz ins Ziel kommt, sondern auch der Herzensweg stimmt, denn am Weg scheitern wir meistens, brechen ab, kommen nicht weiter, oft weil wir gar nicht auf unserem eigenen unterwegs sind.
Die GPS-Übung: von außen nach innen
Spontan beim Autofahren hat Emmer das Kürzel GPS umgedeutet: G steht für das Gesamtbild, wo man steht, P für das Persönliche, und S für die Seele, für die ganz eigene Ausdrucksform von Liebe. Die zugehörige Übung arbeitet sich mit Blatt und Stift von außen nach innen: drei ineinanderliegende Kreise.
In den äußeren Kreis kommen die groben Daten: wo man lebt, Alter, Beruf, Familie. Emmer schreibt für sich Bayern, kurz vor den Bergen, 43 Jahre, Coach hin: alles Dinge, die es in dieser Form millionenfach gibt. Der zweite Ring wird persönlicher: Stärken, Schwächen, Träume, Visionen, Ziele, also das, was die Persönlichkeit ausmacht. Doch auch der Traum vom Haus am Strand oder vom Ferrari trennt uns kaum von anderen; viele glauben an dieser Stelle schon zu wissen, wer sie sind, bleiben aber zu schwammig, um wirklich wahrgenommen zu werden. In den dritten, inneren Kreis schreibt man drei Werte, die man durch die eigene Arbeit nach außen bringen will. Bei Emmer sind das Freiheit und Mut: ihre Botschaft, Menschen zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen und Konventionen zu brechen. Auch diese Werte teilen viele, etwa digitale Nomaden.
Der Kern: ein einziges Wort
Für die Mitte übernimmt Emmer eine Trichter-Übung, die sie sich bei Christoph Berndt abgeschaut hat: Das ganze Leben kommt oben in den Trichter, man drückt es zusammen, und unten fällt ein einziger Tropfen heraus: ein einziges Wort, die ganz persönliche Essenz. Vom naheliegenden Wort „Liebe” rät sie ab, denn das könnten alle hinschreiben. Sie selbst brauchte drei Tage, bis das richtige Wort auftauchte. Wir tragen einen riesigen passiven Wortschatz, der nicht sofort ins Bewusstsein kommt. Dieses Wort ist nicht fürs Marketing gedacht und steht auf keiner Website: Entweder Menschen spüren die Qualität, oder sie tun es nicht; behaupten allein macht sie nicht wahr.
Seit sie die Übung vor knapp vier Jahren zum ersten Mal machte, hat sich ihr Kern nicht verändert, obwohl sie äußerlich ständig Neues ausprobiert, verwirft und wieder wechselt. Manche halten es für unseriös, dass eine Business-Coachin auch Erotik schreibt; die, die ihr folgen, erleben sie gerade darin als authentisch, weil durch alle Ringe hindurch derselbe innerste Kern durchscheint. Genau diese zentrale Qualität, sagt Emmer, durchtränkt alles (Werte, Ziele, Träume) und macht das Übrige plötzlich einzigartig. Wer seinen Standort so gefunden hat, lässt sich weniger verunsichern und kann sich dann in Ruhe den Zielen widmen: eine Herzensroute vom eigenen Standort zum eigenen Herzensziel.