Flow durch Grenzen: Nein sagen für Fortgeschrittene

Business-Coach Andrea Marianne Sprengart zeigt in ihrem Vortrag auf der UnZiele Online Konferenz 2019, warum uns das Nein so schwerfällt und wie eine einfache Drei-Schritte-Technik hilft, im eigenen Flow zu bleiben.

Auf der UnZiele Online Konferenz 2019 sprach Business-Coach Andrea Marianne Sprengart über ein Thema, das viele kennen und wenige beherrschen: freundlich, aber klar Nein zu sagen. Holger Theymann kündigte sie augenzwinkernd als „die Nein-Sagerin” an. Dabei geht es ihr im Kern um genau das Gegenteil.

Nein sagen heißt Ja zu sich selbst

Sprengart beschreibt sich als Unternehmens- und Menschenberaterin, im Herzen Business-Coach. Dem Etikett „Nein-Sagerin” widerspricht sie gleich zu Beginn: Sie sage sehr viel Ja: Ja zu sich selbst und Ja zu den Menschen um sie herum. Ein Nein werde erst dann nötig, wenn ein Thema dem eigenen Ziel zuwiderlaufe. Dann diene es dazu, Fokus, Klarheit und Konsequenz zu halten. In rund zwanzig Minuten will sie zeigen, wie man vom „Spiel aller anderen” hin zum Profi im Grenzensetzen kommt, im eigenen Flow bleibt und dort ankommt, wo man hinmöchte.

Die Szene am Strand

Ihren Einstieg findet Sprengart über eine Geschichte. Man liegt entspannt im Liegestuhl vor einer Traumkulisse, das Meer rauscht, die Sonne scheint, man ist tief ins Lieblingsbuch vertieft. Da tippt einen jemand an: Ob diese vier Liegestühle noch frei seien, man möge sie doch bitte freihalten, während die Familie und die Badesachen zusammengesucht würden. Man hört sich „Ja, klar” sagen und lehnt sich zurück. Doch die Familie kommt nicht. Über eine halbe Stunde wiederholt sich das Antippen zehn Mal, bis der Nacken sich verspannt und man merkt: So hatte man sich seine Zeit nicht vorgestellt. In der Analyse zeigt Sprengart, was passiert ist. Aus dem eigenen Bedürfnis nach Entspannung ist ein Ja geworden, das einen völlig von sich selbst abgerückt und zurückgelassen hat: unzufrieden, ohne die ersehnte Ruhe.

Warum uns das Nein so schwerfällt

Drei Hintergründe macht Sprengart dafür verantwortlich. Erstens seien Menschen Bindungswesen: Wir wollen niemanden vor den Kopf stoßen, gut dastehen und helfen, auch weil wir selbst auf Hilfe hoffen. Zweitens wirkten archaische Muster aus der Steinzeit bis heute nach. Wer sich damals egoistisch nicht einbrachte, wurde aus der Gruppe ausgeschlossen, und allein konnte niemand überleben. Diese Angst sitze tief. Drittens wollen Menschen geliebt werden und sammeln über gefälliges Handeln Anerkennungspunkte. Innerlich fühle sich das aber schlecht an, wenn es dem eigenen Bedürfnis widerspricht.

Drei Schritte zum Nein

Aus diesen Einsichten leitet Sprengart eine praktische Anleitung ab. Erstens: eine Situation vor Augen holen, in der man nicht Nein sagen konnte, und ehrlich fragen, welche Angst oder welches Muster dahintersteckte, etwa Sätze aus dem Elternhaus wie „widersprich bloß nicht”, „sei hilfsbereit” oder „Geben ist seliger als Nehmen”. Zweitens: sich den Überrumpelungseffekt bewusst machen. Man ist gedanklich ganz woanders, jemand fragt kurz um etwas, und man antwortet fast reflexhaft, ohne wirklich nachzudenken. Drittens: sich eine Antwort zurechtlegen, die zunächst Zeit verschafft, zum Beispiel „Ich bin gerade bei etwas ganz anderem, ich gebe dir später Bescheid.” Dieser Aufschub schafft den Raum, um zu prüfen, ob man wirklich von Herzen geben kann.

Das innere Bild als Kraftquelle

Nein zu sagen brauche Mut, betont Sprengart, und Übung. Als Hilfsmittel empfiehlt sie, sich bewusst zu machen, was ein Ja und was ein Nein jeweils bewirkt, und ein positives inneres Bild zu erschaffen. Sagt man dem Chef mit vollem Pensum Nein zu einer Zusatzaufgabe, könne man sich vorstellen, pünktlich nach Hause zu gehen, Zeit für die Kinder zu haben, bis hin zum Geruch und Geschmack eines gemeinsamen Eises. Solche vertrauten Bilder hätten eine große Tragkraft. Dieselbe Klarheit gelte im Alltag, etwa gegenüber Kindern im Homeoffice: lieber ruhig „Ich bin in zehn Minuten fertig, hab bitte noch Geduld” sagen und ihnen eine Idee für die Zwischenzeit mitgeben, statt aus wachsendem Unmut ungerecht zu reagieren. Denn wer dauerhaft unzufrieden sei, übertrage diese Unzufriedenheit auf andere.

Nicht gegen andere, sondern für sich

Ihr Leitsatz, den sie von einer Freundin übernommen hat, fasst ihre Haltung zusammen: „Ich entscheide mich nicht gegen jemand anderen, sondern für mich.” So habe sie im Jahr zuvor auch eine berufliche Entscheidung getroffen: nicht gegen die alte Firma, sondern für einen neuen Weg, der ihr mehr Gefühl und Erfüllung bringt. Das passt für sie zum Gedanken hinter Zieltraum: Klarheit über die eigenen Ziele, Werte und das eigene Warum. Auf die Frage nach einem geschlechtsspezifischen Unterschied antwortet Sprengart differenziert. Grundsätzlich schließe sie niemanden aus, jeder trage beide Pole in sich. Doch sie beobachte, dass Frauen oft schneller ein Ja geben, verstärkt durch gesellschaftliche Prägung. Holger Theymann ergänzt, Mädchen lernten viel stärker, „gefällig” zu sein; ein Mann, der klar Nein sagt, gelte als jemand, „der weiß, wo er steht”, während dasselbe bei einer Frau schnell als unpassend bewertet werde. Sprengarts Fazit: Handle man aus Liebe und spreche das Nein mit Klarheit, könne das Gegenüber es wirklich annehmen.


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