Die 15 Zentimeter zwischen den Ohren: Wie Gedanken über Ziele entscheiden

Auf der UnZiele Online Konferenz 2019 zeigt Fanny Theymann, wie Placebo, Nocebo, Glaubenssätze und Identität darüber entscheiden, ob wir unsere Ziele erreichen, und warum die wichtigste Arbeit zwischen unseren beiden Ohren stattfindet.

Bei der UnZiele Online Konferenz 2019 hielt die Gast-Coachin Fanny Theymann einen Vortrag darüber, was auf dem Weg zwischen Start und Ziel wirklich entscheidet, und landete dabei bei den rund 15 Zentimetern zwischen unseren beiden Ohren.

Die 15 Zentimeter zwischen den Ohren

Ein klares Ziel müsse gut formuliert sein, so Theymann. Genauso wichtig sei aber ein klarer Standpunkt: Wo stehe ich gerade? Zwischen Start und Ziel liege der eigentliche Weg, und je weiter beide auseinanderliegen, desto mehr könne dazwischenkommen. Wer bei schönem Wetter spontan laufen gehe, habe kaum Hindernisse zu erwarten. Wer sich dagegen einen Marathon vornehme, bei dem lägen Start und Ziel weit auseinander, und dazwischen warteten schlechtes Wetter, fehlende Lust und viele andere Widerstände.

Was sie daran fasziniere, seien nicht die äußeren Umstände, sondern die rund 15 Zentimeter zwischen dem linken und dem rechten Ohr. Dort entscheide sich, ob uns ein Ziel leichtfällt oder ob die Hindernisse so groß und unüberwindbar erscheinen, dass sie uns aufhalten.

Die Pyramide der Veränderung

Theymann, die ein eigenes Angebot rund ums Abnehmen und Laufen ins Leben gerufen hat und ihre Beispiele aus diesem Bereich schöpft, kam über eine NLP-Ausbildung zu einer Pyramide, die zeigt, wie Veränderung überhaupt wirkt. Ganz unten stehe die Umwelt: Wer in den Bergen wohne und laufen wolle, habe es schwerer als in der flachen Stadt. An der Umwelt lasse sich etwas ändern. Darüber liege das Verhalten, etwa die Frage, ob man morgens oder abends laufe, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Die nächste Stufe sei die Fähigkeit: Wer wisse, wie man sich energiereich ernährt oder energieschonend läuft, dem falle das Ziel leichter.

Die beiden obersten Stufen aber, Glaubenssätze und Werte sowie die Identität, seien jene 15 Zentimeter im Kopf. Glaube ich überhaupt daran, den Marathon laufen zu können, oder halte ich mich für „zu klein” oder „zu dumm”? Wer bin ich, was glaube ich von mir selbst? Diese Ebenen seien am mächtigsten, weil sich das Denken von einer Sekunde auf die andere ändern könne: man denke an einen Unfall, der die Sichtweise schlagartig kippt. Genau dort erschaffen oder beseitigen wir unsere Hindernisse selbst.

Placebo und Nocebo: die Macht der Erwartung

Aus ihrer langen Zeit in der Medizin kenne Theymann zwei Phänomene, die diese Macht belegen: den Placebo- und den Nocebo-Effekt. Placebo (lateinisch „ich werde gefallen”) sei eine wirkungslose Zuckerpille, die dennoch eine Besserung hervorrufe, weil wir an ihre Wirkung glauben. Der „böse Bruder” Nocebo heiße übersetzt „ich werde schaden”.

Sie erzählte von einem 26-Jährigen aus den USA, der nach einer Trennung an Depressionen litt und an einer Doppelblindstudie zu einem Antidepressivum teilnahm. An einem Tiefpunkt nahm er die gesamte Packung Tabletten, sein Kreislauf brach zusammen, im Krankenhaus kämpften die Ärzte um sein Leben: kein Medikament wirkte. Erst als die Studienleitung offenlegte, dass er in der Placebo-Gruppe war, und man ihm das sagte, normalisierte sich sein Kreislauf innerhalb einer Minute.

Auch aus eigener Erfahrung als Studienassistentin berichtete sie: In einer Onkologie-Studie mit zehn schwerkranken Patienten hatte ausgerechnet jener Patient sämtliche im Beipackzettel aufgeführten Nebenwirkungen (Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerzen), der als Einziger das Placebo bekommen hatte. Die neun Patienten mit dem echten Wirkstoff hatten kaum spürbare Beschwerden. Der Placebo-Patient habe schlicht so fest an die Nebenwirkungen geglaubt, die er sich durchgelesen hatte.

Wenn wir uns mit der Krankheit identifizieren

Noch weiter gehe die Identitätsebene. Theymann erzählte von einem fitten, gesunden älteren Herrn, bei dem bei einer Untersuchung ein Fleck auf der Lunge entdeckt und Lungenkrebs mit weniger als sechs Monaten Lebenszeit diagnostiziert wurde. Der Mann identifizierte sich vollständig mit seiner Krankheit, verfiel zusehends und starb tatsächlich binnen sechs Monaten. Bei der späteren Durchsicht der Unterlagen habe sich herausgestellt: Der Fleck saß gar nicht in seiner Lunge, sondern auf dem Röntgenfilm selbst. Als jemand, der in einer engen, dunklen Kammer solche Filme selbst entwickelt hat, wisse sie, wie entscheidend ein solches Bild für Diagnose und weiteres Leben sein könne.

Wir übernähmen die Diagnose des Arztes (in Weiß gekleidet, studiert) und machten sie zur Identität: Wir sind der Patient. Von den 60.000 bis 70.000 Gedanken, die wir täglich hätten, seien 90 Prozent die von gestern. So stehe man morgens auf und ziehe sich die alte Identität wie einen Morgenmantel über: „Ich bin die, die krank ist, die etwas nicht kann, die zu klein ist.”

Gedanken beobachten und hinterfragen

Solche „Nocebos” verteilten auch andere: etwa der Satz „gleich piekst es kurz” beim Arzt, auf dessen Schmerz wir dann warten, oder Freunde, die uns ein Ziel nicht zutrauen und uns für verrückt halten. Vor ihrem eigenen Marathon habe man ihr geraten, jetzt bloß nicht krank zu werden, weil das Immunsystem nach intensivem Training geschwächt sei. Zuerst habe sie der Gedanke erschreckt (tausend Trainingskilometer umsonst?), dann aber habe sie ihn bewusst gestoppt und hinterfragt: Falls sie krank werde, sei es eben Pech, damit könne sie sich dann beschäftigen; vorwegnehmen müsse sie es nicht. Vorsorglich achtete sie in den letzten zwei Wochen auf Vitamine und Gesundes, ohne sich vom Gedanken lähmen zu lassen.

Vieles nähmen wir ungeprüft für wahr, sagte Theymann und erzählte von der Frau, die vom Braten links und rechts ein Stück abschnitt, weil ihre Mutter es so gemacht habe, bis die Großmutter aufklärte, dass der Braten früher schlicht nicht in die kleine Pfanne gepasst hatte. Das meiste lernten wir zwischen null und sechs Jahren ungefiltert und hinterfragten es nie. Ihr Rat: die eigenen Gedanken täglich beobachten und hinterfragen. Sie selbst notiere ihre Gedanken in einem Kalender, schreibe Affirmationen und lege morgens fest, worauf sie ihren Fokus richtet. Denn die Gedanken seien elementar: sie hielten uns auf oder brächten uns dem Ziel näher.


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