Du bist die Geschichte, die du dir erzählst

Auf der UnZiele Online Konferenz 2019 spricht Coach Mark Oswald über Storytelling und Identität: Wer wir sind, ist das Resultat der Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, und die lässt sich bewusst neu schreiben.

In seinem Vortrag auf der UnZiele Online Konferenz 2019 spricht Coach Mark Oswald über Storytelling, allerdings nicht über das Erzählen von Geschichten für andere, sondern über die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen. Sein Ausgangspunkt: Diese innere Geschichte formt unsere Identität.

Die Frage: Wer möchte ich sein?

Eine der wichtigsten Fragen, die Oswald sich immer wieder stellt, lautet: „Wer möchte ich sein?” Für ihn ist das, was er erlebt und was ihm begegnet, das Resultat dessen, wer er ist. Und wer er ist, ist das Resultat der Geschichte, die er sich erzählt. Der Satz, um den sein Beitrag kreist: Ich bin die Geschichte, die ich mir gestern über mich erzählt habe.

Vor etwa eineinhalb Jahren stellte er sich diese Frage bewusst: In welchem Kontext will ich wirklich sein, welchen Beitrag will ich leisten? Zu dieser Zeit war er dabei, einen Kurs auszuschreiben, und merkte: Er wollte nicht jemand sein, der irgendeinen Kurs macht, um Geld zu verdienen, sondern jemand, der viele Menschen erreicht und sein Geschenk, seine Fähigkeiten teilt. Die Konsequenz war eine klare Entscheidung: Storytelling gratis anzubieten und darauf etwas Eigenes aufzubauen. In den anderthalb Jahren danach baute er nach eigener Schilderung eine Community von rund 2.400 Mitgliedern auf, von denen etwa 1.500 aktiv sind.

Der innere Kampf: das Beispiel einer jungen Frau

Um zu zeigen, wie eine Geschichte blockieren kann, erzählt Oswald von einer jungen Frau Mitte zwanzig, die er kurz zuvor getroffen hatte: eine Person mit starker Präsenz und großer Energie, aktuell Assistentin eines Tantra-Lehrers. Sie würde gerne etwas Eigenes machen, traut sich den Sprung aber nicht zu, weil ihr aus ihrer Sicht noch ein Zertifikat, eine Bestätigung fehlt.

Genau darin sieht Oswald ein Muster: Wenn ein Mensch in jeder Zelle spürt, dass es Zeit wäre zu gehen, es aber nicht tut, baut sich eine innere Spannung auf, wie zwei Wölfe, die gegeneinander kämpfen. Auf der einen Seite der Wunsch, es zu tun, auf der anderen die Glaubenssätze, die dagegenhalten. Diese Kraft, die im Kampf mit sich selbst verpufft, kann bis zum Burnout führen und kanalisiert sich oft als Wut auf andere. Typisch dafür sei, dass Menschen in dieser Phase ausgerechnet diejenigen kritisieren, die das tun, was sie selbst gerne täten.

Neid als Wegweiser

Dieses Muster kennt Oswald aus eigener Erfahrung. In seiner NLP-Ausbildung stieß er sich an seinen sehr geradlinigen Trainern, die ihm bei jeder Gelegenheit vor Augen hielten: Was dich an anderen stört, steckt in dir selbst. Er rieb sich lange daran, fand es unfair. Erst nach rund zwei Jahren erkannte er, dass er bewundert, was sie tun, und es sogar mutig findet. Was er damals empfand, war Neid. Er wäre selbst gerne derjenige gewesen, der souverän vor mehr als 40 Menschen spricht, was für ihn damals undenkbar schien. Statt weiter zu hassen, ging er dazu über, an sich selbst zu arbeiten.

Seine Gesprächspartnerin Juliane hält dagegen, dass Neid zwar antreiben kann, sie aber die liebevollere Variante bevorzugt: Vorbilder zu haben und sich davon inspirieren zu lassen. Statt der Missgunst („Ich gönne es dir nicht”) empfiehlt sie die Haltung: Es ist wundervoll, was ihr erreicht habt, lasst mich euch als Vorbild nehmen.

Die Geschichte bewusst neu erzählen

Aus der Diagnose leitet Oswald seine Lösungsstrategie ab. Die junge Frau fragte er: Wer bist du in diesem Moment, welche Geschichte erzählst du dir über dich selbst? Sie erkannte offen: „Ich bin voll in der Opferrolle und mache meinen Lehrer dafür verantwortlich.” Um sie nicht in die Selbstverurteilung rutschen zu lassen, setzte er sofort die nächste Frage nach: Wer würdest du gerne sein, welche Geschichte würdest du gerne über dich erzählen?

Ihre Antwort: jemand, der ehrlich, offen und konsequent ist; der Mut hat, seinen eigenen Weg geht und sich den Herausforderungen stellt; jemand, der irgendwann sagen kann: Ich hatte großen Schiss, aber ich habe losgelassen und bin ins Abenteuer geschritten. In dem Moment, in dem sie diese neue Geschichte erzählte und die Entscheidung traf, sie zu leben, veränderten sich ihre Präsenz und ihre Energie sichtbar, und neue Möglichkeiten öffneten sich.

Warum gute Geschichten Hindernisse brauchen

Eine Geschichte, in der es nur bergauf geht, sei langweilig, so Oswald. Eine gute Geschichte lebt von Gegnern und Hindernissen, weil der Triumph danach umso größer ist. Zugleich schränkt er ein: Niemand muss sein Leben hart machen, damit die Geschichte gut wird: läuft etwas leicht, ist das ebenso wundervoll. Häufig gehe es ohnehin um innere Themen, um einen Sprung, vor dem man sich scheut. Der Flow-Zustand ist zeitlich begrenzt; irgendwann steht die nächste Hürde an, und genau dort wird es spannend: Traust du dich?

Die eigene Zukunftsgeschichte, mit Hindernissen

Zum Abschluss verweist der Vortrag auf die Forschung von Gabriele Oettingen zum Visualisieren mit Hindernissen. Reines positives Visualisieren, in dem alles nur traumhaft ausgemalt wird, kann den Erfolg sogar verringern. Die Empfehlung lautet deshalb, die eigene Zukunftsgeschichte mitsamt den Hindernissen zu erzählen, die man bereits in sich wahrnimmt: dort starten, wo man gerade steht, erzählen, wie man den jeweiligen Glaubenssatz überwindet, und so am Ziel ankommen.

Eine hilfreiche Frage mitten im Struggle: Welche Rolle wird diese Situation rückblickend in meiner Geschichte gespielt haben? Wer sich vorstellt, später auf einer Bühne seine Geschichte zu erzählen, erkennt, dass genau der aktuelle Tiefpunkt der Moment sein kann, an dem alle die Luft anhalten. Bleibt am Ende Oswalds Kernfrage: Ist das wirklich die Geschichte, die du leben möchtest, oder nur eine, die du gerade für wahr hältst?


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