WEGE-Strategie: Was ein Marathon dir über Ziele beibringt
Vier Prinzipien.
Sonja Lindner hat 23 Marathons gelaufen. Den ersten mit 27, den letzten im vergangenen Herbst in Valencia.
Bücher über Zielmethodik hat sie dabei nie gelesen. Trotzdem deckt sich vieles, was sie auf der Strecke gelernt hat, mit den folgenden vier Prinzipien, ohne dass sie je einen Namen dafür gebraucht hätte.
Was ist die WEGE-Strategie?
WEGE ist ein Akronym für vier Prinzipien der Zielerreichung. Sie sind nicht neu, kein Forscher hat sie erfunden. Sie sind das, was Menschen tun, die ihre Ziele wirklich erreichen, bewusst oder unbewusst.
Vier Buchstaben:
- Wirklich wollen
- Einfach halten
- Ganz verschreiben
- Eins nach dem anderen
W wie Wirklich wollen
Sonja am 30. Kilometer eines Marathons: die Beine brennen, der Magen rebelliert, und es regnet seit zwei Stunden.
„In diesem Moment gibt es nur eine Frage”, sagt sie. „Willst du das wirklich? Nicht hatte ich das Gefühl. Sondern: Will ich das, jetzt, hier, in diesem Moment?”
Wer den Marathon nicht wirklich will, steigt bei Kilometer 32 aus. Wer ihn will, geht weiter.
Das gilt für jedes Ziel. Der Wunsch am Montag zählt wenig. Entscheidend ist, ob die Motivation auch dann trägt, wenn es unbequem wird. Der erste WEGE-Test: Willst du es auch dann noch, wenn es kostet?
Wenn du nicht sicher bist: Schau dir WOOP an. Die Obstacle-Frage zeigt schnell, ob das Ziel wirklich deins ist.
E wie Einfach halten
Marathon-Training sieht kompliziert aus. Intervalläufe, Tempo-Einheiten, Periodisierung, Herzfrequenzzonen, Regenerationstage.
Sonja: „Für die meisten Läufer gilt eine einfache Regel. Lauf dreimal pro Woche. Ein langer Lauf, zwei kürzere. Fertig.”
Wer das System zu früh verkompliziert, verliert sich in der Optimierung. Das Ziel rückt in den Hintergrund, das System steht im Vordergrund.
WEGE rät, genug zu planen und es dabei so einfach wie möglich zu halten. Ein klares, konkretes Ziel schlägt ein brillant durchdachtes System, das du nach einer Woche aufgibst.
G wie Ganz verschreiben
Was einen Läufer, der einen Marathon finisht, von einem unterscheidet, der bei Kilometer 32 aufgibt, ist selten Kondition oder Talent. Es ist Vorbereitung, und es ist Priorisierung.
Sonja: „Drei Monate vor einem großen Rennen beginne ich, darüber nachzudenken. Ich stelle mir vor, wie ich ins Ziel laufe. Ich plane Reise, Hotel, Verpflegung. Das Rennen ist die wichtigste Sache in dieser Zeit. Alles andere ist sekundär.”
Ganz verschreiben heißt, dem Ziel echte Priorität einzuräumen, und zwar über die To-do-Liste hinaus: spürbar im Kopf, im Kalender und im Alltag.
E wie Eins nach dem anderen
Sonja hat in einem Jahr versucht, drei Ultras zu laufen und gleichzeitig eine eigene Lauf-Community aufzubauen.
„Es war das schlechteste Jahr meiner Karriere”, sagt sie trocken. „Ich war nirgendwo wirklich gut. Überall okay.”
Der vierte WEGE-Buchstabe ist der härteste für Menschen, die viel wollen.
Eins nach dem anderen, ein Ziel zu seiner Zeit. Konzentrierte Kraft schlägt verteilte Energie.
Das bedeutet nicht, keine Ziele mehr zu haben. Die anderen warten, bis das erste dran war.
WEGE und die Werkzeug-Frage
WEGE ist weniger eine Methode zur Zielformulierung als eine Methode zur Ziel-Klärung.
Bevor du anfängst, SMART oder PABSBRAGÖR anzuwenden, lohnt sich der WEGE-Check. Denn die gründlichste Zielformulierung bringt nichts, wenn das Fundament fehlt.
Wenn WEGE zeigt: Du willst es wirklich, es ist klar, du bist ganz dabei, und du fokussierst dich auf eines, dann ist das Fundament gut. Dann helfen dir die anderen Werkzeuge aus dem Zieltraum-Werkzeugset, es richtig zu formen.
Wenn WEGE zeigt: Du willst es eigentlich nicht so wirklich, dann ist das eine andere Frage. Die führt zu Was sind Ziele wirklich? Und irgendwann zu UnZielen.
Sonja läuft in vier Wochen wieder. Einen 50-Kilometer-Trail in Österreich.
Es ist ihr einziges Rennen in diesem Quartal, und das ist Absicht.