Rückfall und Neustart: Warum der AVE-Effekt gefährlicher ist als der Rückfall selbst
Mia coacht andere bei Rückschlägen, bis sie selbst einen erlebt und merkt, dass sie das AVE-Syndrom nicht kannte.
Mia R. ist Coach in Ausbildung.
Sie hat Klienten durch Rückschläge begleitet. Durch abgebrochene Diäten, verpasste Deadlines, wiederangefangene Zigaretten. Sie kennt die Mechanismen. Sie weiß, was zu tun ist.
Im Oktober bricht sie selbst ein.
Drei Monate hatte sie täglich meditiert, Sport gemacht, ihre Morgenroutine eisern durchgehalten. Dann drei Wochen Projekt-Hölle im Job, Schlafentzug, Essen aus dem Automaten, und die Routine war weg.
Und dann passiert das, was sie bei ihren Klienten immer gesehen hatte und bei sich selbst nicht erkennt.
Sie gibt ganz auf.
Was ist der AVE-Effekt?
AVE steht für Abstinence Violation Effect, auf Deutsch: der Rückfall-Eskalations-Effekt.
Der Begriff kommt aus der Suchtforschung. Alan Marlatt beschrieb ihn in den 1980ern: Menschen, die eine Abstinenzregel aufgestellt haben (keine Zigaretten, kein Alkohol, keine Ausnahmen), reagieren auf einen ersten Rückfall mit einem bestimmten Muster:
- Schuld und Scham: „Ich habe versagt.”
- Verlust der Kontrolle: „Es hat keinen Sinn mehr.”
- Eskalation: Aus einem Ausrutscher wird ein vollständiger Abbruch.
Der Rückfall selbst wäre oft reparierbar gewesen. Die kognitive Reaktion darauf macht ihn endgültig.
Mias Muster
Mia rekonstruiert später, was passiert ist.
Sie hatte ihre Morgenroutine als unveränderlich betrachtet. Entweder alles oder nichts. Kein Raum für Anpassung, für Kürzungen, für „nicht ideal, aber trotzdem etwas.”
Als die Routine durch äußere Umstände unterbrochen wurde, machte ihr Kopf aus der Pause ein Scheitern.
Und nach dem Scheitern: Was soll das noch?
„Drei Monate Arbeit”, sagt sie. „Ich habe sie in einer Woche psychologisch zunichtegemacht. Nicht durch den Rückfall. Durch meine Interpretation des Rückfalls.”
Die zwei Arten von Rückschlägen
Es gibt einen wichtigen Unterschied:
Lapse, der Ausrutscher: eine kurze Unterbrechung. Einmal nicht trainiert, einmal das Handy zu spät weggelegt. Das passiert und ist schlicht menschlich.
Relapse, der echte Rückschlag: eine längere Unterbrechung oder vollständiger Abbruch. Meistens entsteht er nicht aus dem Lapse, sondern aus der Reaktion auf den Lapse.
AVE ist der Mechanismus, der aus dem Lapse einen Relapse macht.
Wie man AVE stoppt, bevor es eskaliert
Der Schlüssel liegt in dem Moment direkt nach dem Rückfall.
Mia hat in ihrem Coaching jetzt drei Fragen eingebaut, die sie stellt, sobald ein Klient einen Lapse beschreibt:
Der Neustart ist keine Niederlage
Mia beginnt vier Wochen nach ihrem Einbruch neu, mit einer kleineren, realistischeren Routine als vorher.
Morgens zehn Minuten statt zwanzig. Drei Tage Sport die Woche statt fünf.
„Ich habe akzeptiert, dass ich nicht immer 100% gebe”, sagt sie. „Das war die eigentliche Leistung.”
Was sie ihren Klienten schon immer gesagt hatte, verstand sie jetzt aus eigener Erfahrung: Ein Rückfall macht dich menschlich, mehr sagt er nicht über dich aus. Entscheidend ist, was du im Moment danach mit ihm machst.
Rückfall in der Ziel-Reise
Der AVE-Effekt taucht überall auf, wo Menschen hohe Erwartungen an sich selbst haben.
Im Kontext des Zieltraums, der Reise von Werkzeugen zur echten Selbstkenntnis, ist er ein häufiger Begleiter in Phase 5. Das liegt weniger daran, dass Menschen am Ende scheitern, als daran, dass echte Veränderung Rückschritte beinhaltet. Sie gehören zum Weg dazu.
Das Widersacher-Konzept hilft zu verstehen, warum wir manchmal gegen uns selbst arbeiten. AVE ist einer dieser Mechanismen, und Glaubenssätze wie „Ich schaffe das sowieso nicht” verstärken ihn noch.
Was am Ende der Reise wartet, ist keine perfekte Konsistenz. Es sind UnZiele: Richtungen, die auch nach einem Rückfall noch stimmen, weil sie an dem hängen, was dir wirklich wichtig ist, statt an einer makellosen Bilanz.
Und wenn du das nächste Mal einen Lapse erlebst: Erinner dich an Mia. Der Rückfall war nicht das Problem.