Die Frage, die nicht im Tracker war: Kais UnZiel

Kai ist in Therapie.

Kai beginnt Therapie, ohne in einer Krise zu stecken. Er will die Kontrolle über seine Situation wiederherstellen.

Er bucht die bestbewertete Therapeutin in einem Umkreis von drei Kilometern. Dr. Selin Yildiz. Fachgebiet: kognitive Verhaltenstherapie und Akzeptanz-basierte Methoden. 47 Google-Bewertungen, Schnitt 4,9.

Er bereitet sich auf das Erstgespräch vor. Er macht eine Liste mit seinen Themen.


Das erste Gespräch

„Was bringt Sie her?”

„Ich möchte meine Führungseffektivität optimieren.”

Dr. Yildiz schreibt etwas auf ihren Block.

„Und was würde das bedeuten, konkret?”

Er hat die Antwort vorbereitet. Team-Retention-Rate, Psychologische Sicherheit im Team, Persönlicher Wellbeing-Score. Er nennt alle drei. Dr. Yildiz hört zu, nickt, schreibt.

„Ich habe noch eine Frage dazu.” Sie legt ihren Stift ab. „Was würde das fühlen, wenn es funktioniert?”

Er merkt, wie sein Gedankengang stockt.

„Wie meinen Sie das?”

„Was würden Sie spüren? Nicht messen. Spüren.”

Er wartet eine Sekunde zu lange.

„Zufriedenheit”, sagt er schließlich.

„Womit?”

Pause.

„Mit… den Ergebnissen.”

Dr. Yildiz lächelt. Es ist kein Triumph-Lächeln. Es ist das Lächeln von jemandem, die diesen Moment schon oft erlebt hat und ihn trotzdem interessant findet.

„Wir haben”, sagt sie, „viel zu tun.”


Der Stromausfall

Sechs Wochen und vier Sitzungen später stellt Dr. Yildiz eine Frage, auf die Kai keine vorbereitete Antwort hat.

„Beschreiben Sie mir den letzten Moment, in dem Sie sich wirklich gut gefühlt haben. Nicht produktiv. Gut.”

Er sucht in seinem Gedächtnis. Er denkt an abgehakte Listen, abgeschlossene Sprints, positive Stakeholder-Feedbacks.

Keines davon fühlt sich richtig an.

Dann fällt ihm der Dienstag vor sechs Wochen ein.

Nachmittags, etwa um vier. Ein Stromausfall im Büro. Komplett: Server, Laptops, Kaffeemaschine. Nichts ging mehr.

Er war frustriert gewesen, dann kurz im Panikplanung-Modus, dann hatte Marc gesagt: „Ich hab noch Kekse.” Und Sarah hatte geantwortet: „Krisen-Meeting. Keksrunde im Dunkeln.” Und sie hatten sich alle im Konferenzraum zusammengesetzt, mit Handytaschenlampen, und über nichts gesprochen. Marc hatte erzählt, dass er früher in einer Punk-Band war. Lena hatte sich mit Sarah über Keramik-Kurse unterhalten. Kai hatte zugehört und irgendwann selbst etwas gesagt, er weiß nicht mehr was, aber alle hatten gelacht.

Zwanzig Minuten ohne Plan, ohne Agenda, ohne Output.

Das war die beste Zeit in diesem Quartal.

Er erzählt das alles Dr. Yildiz. Es klingt selbst in seinen Ohren lächerlich klein.

Sie sagt: „Was war anders als sonst?”

Er denkt nach. „Ich war… nicht der Teamleiter. Ich war einfach dabei.”

„Wie fühlt sich das an, einfach dabei zu sein?”

„Leicht.” Die Antwort kommt, bevor er sie überprüfen kann. „Sehr leicht.”


Der erste Versuch mit UnZielen

Einige Wochen später liest Kai einen Artikel über das Konzept der UnZiele: Ziele, die nicht aus Erwartungen oder Frameworks kommen, sondern aus dem, was wirklich zieht. Was sich richtig anfühlt, auch wenn man es nicht erklären kann. Ziele aus dem eigenen Inneren.

Er liest den Artikel bis zum Ende.

Dann öffnet er Notion.

Er erstellt eine neue Seite: „UnZiele Q2 2026.”

Darunter schreibt er: „Was will ich wirklich? → Definiere drei UnZiele. Format: SMART, aber emotional verankert. Deadlines: bis 28. Februar.”

Er liest, was er geschrieben hat.

Dann lacht er. Es ist dasselbe kurze, unvorbereitete Lachen wie nach Lenas Nachricht.

Er löscht die Seite.


Was UnZiele nicht sind

Ein UnZiel ist keine romantisierte Version eines Ziels. Es ist nicht „Ich will glücklich sein” statt „Ich will 10 Prozent Umsatzwachstum.”

Es ist etwas Spezifischeres und gleichzeitig Offeneres.

Kais erstes echtes UnZiel, das er nie in eine Notion-Seite einträgt, klingt so:

Ich will morgens aufwachen und wissen, warum ich hingehe. Nicht wohin. Warum.

Es hat keine Deadline, keine Metrik, keinen messbaren Indikator. Aber es hat etwas, das seine bisherigen Ziele nicht hatten: es zieht. Er spürt es physisch, irgendwo tiefer als im Kopf.

Das ist das Merkmal, mit dem der Zieltraum-Ansatz UnZiele beschreibt: Sie kommen aus einer anderen Richtung als das Denken, und sie brauchen keine Validierung, weil sie sich von selbst wahr anfühlen.


Das 1:1 mit Jonas

Drei Monate später. Ein neues Teammitglied: Jonas Friedman, 24, frisch aus dem Studium. Erstes 1:1.

Kai sitzt mit Jonas am kleinen Tisch. Er hat seine Vorlage offen. Er schaut sie an. Schließt sie.

„Ich wollte dich eigentlich etwas anderes fragen, als ich normalerweise frage.”

Jonas sieht ihn leicht überrascht an. Er kennt die Routine noch nicht. Ist noch keine Erwartung da.

„Wofür arbeitest du?”

„Was meinen Sie damit?”

„Ich meine nicht: Was steht in deiner Jobbeschreibung. Ich meine: Was ist der Grund, warum du morgens aufstehst?”

Jonas schweigt einen Moment. Dann (und das ist der Unterschied zu fast jedem anderen Gespräch, das Kai in diesem Raum geführt hat) denkt er wirklich nach.

„Ich glaube… ich will etwas bauen, das Leuten tatsächlich hilft. Nicht nur funktioniert. Wirklich hilft.”

„Das klingt gut.”

„Ist das… okay?”

„Das”, sagt Kai, „ist das Einzige, was ich hier hören wollte.”

Kai macht keine Notiz.

Er wird sich erinnern.



Kais Mood-Tracker zeigt heute 8.

Er hat vergessen, was er gestern gemessen hat.

Er bemerkt das nicht.


Dieser Artikel ist der Abschluss der Kai-Serie. Vorher: Der Riss im System. Anfang: Der optimierte Mensch. Was in den zwanzig dunklen Minuten wirklich geschah: Flow: der Zustand, in dem Arbeit sich selbst trägt.