Wenn die eigenen Werte zum Widersacher werden
Trainer und Coach-Ausbilder Stephan Aussersdorfer erklärt, warum uns auf halber Strecke die Luft ausgeht, und wie Werte-Konflikte zum stillen Widersacher werden.
Im Rahmen der „Erkenne Deinen Widersacher Challenge” spricht Trainer und Coach-Ausbilder Stephan Aussersdorfer über einen Widersacher, der besonders leise arbeitet: die eigenen Werte. „Wenn du nicht aus dem Knick kommst, dann stehen dir wahrscheinlich deine Werte im Weg”, mit diesem Satz ist der rote Faden des Gesprächs gesetzt.
Der innere Widersacher, dem auf halber Strecke die Luft ausgeht
Widersacher, das klingt zunächst nach einem Gegner von außen. Gemeint sind hier aber die inneren: Wir machen uns auf den Weg, etwas Großes zu erreichen, und auf halber Strecke geht uns aus unerfindlichen Gründen die Luft (oder die Lust) aus. Plötzlich sind andere Dinge wichtiger, das hehre Ziel wird gegen ein anderes getauscht. Genau dorthin zu schauen, warum das passiert, ist der Kern der Challenge.
Stephan Aussersdorfer versteht sich als Trainer und Ausbilder, der Menschen dabei begleitet, ihr volles Potenzial zu entfalten. Seine Mission formuliert er schlicht: Menschen fördern und unterstützen, und Spuren hinterlassen, schon zu Lebzeiten. Besonders wertvoll ist ihm dabei das Feedback der Menschen, mit denen er gearbeitet hat.
Der große Schnitt: sein persönlichster Widersacher
Auf die Frage nach dem eigenen größten Widersacher erzählt Aussersdorfer vom „großen Schnitt“ in seinem Leben. Der Schritt, aus einer sicheren Tätigkeit auszusteigen und dorthin zu gehen, wo seine Leidenschaft liegt, hat ihn enorm viel Energie gekostet. Der Widersacher hieß hier: Existenzangst. Er habe zuvor sehr viel Geld verdient, doch die Leidenschaft habe gefehlt, und am Anfang dessen, was er heute tut, standen null Einnahmen.
Überwunden hat er diesen Widersacher, indem er sich klar wurde, wohin sein Weg führt: Was ist mein Ziel, wo liegt meine Berufung, was will ich wirklich tun? Rente sei für ihn kein Thema: Er wolle etwas machen, das er gerne macht, solange er kann. Gegangen ist er den Schritt mit dem klaren Rückhalt seiner Frau, für deren Unterstützung er sich ausdrücklich dankbar zeigt.
Warum Widersacher größer wirken, als sie sind
Viele dieser Widersacher, sagt Aussersdorfer, seien wie „Sitzriesen“: Solange sie da hocken, wirken sie riesig, und man traut sich kaum heran. Sobald man aufsteht und sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzt, stellt man fest, dass sie viel kleiner sind als gedacht. Er vergleicht es mit einem Berg, der von unten gewaltig aussieht und sich beim Aufstieg normalisiert. Vieles spiele sich „hier oben” im Kopf ab. In der realen Welt sei davon oft nur ein kleiner Bruchteil übrig.
Gerade deshalb sei es hilfreich, Menschen durch solche Prozesse zu begleiten. Wenn man jemandem die Hand reicht, wird der Weg leichter, und es brauche Zeit, oft Wochen oder Monate. Der schönste Moment sei für ihn, wenn sich die Seele zeigt, wenn die Augen aufblitzen, weil jemand etwas Wesentliches für sich erkannt und einen inneren Schalter umgelegt hat. Der Gewinn liege dabei nicht nur im Monetären, sondern in echter Lebensqualität.
Werte als Richtungsweiser und als Konfliktherd
Der Kern des Gesprächs sind die Werte-Konflikte. Werte seien für viele ein abstraktes Thema, meint Aussersdorfer. Er nähert sich ihnen über die Frage „Was ist dir wichtig im Leben?“ Daraus ergibt sich eine Werte-Hierarchie mit Werten wie Liebe, Treue oder Zuverlässigkeit, die als Richtungsweiser dienen. Wichtig sei, dass sich diese Werte im eigenen Leben widerspiegeln. Sind Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit einem wichtig, dem Partner aber gleichgültig, entstehen Reibereien und Konflikte, die zu Stress führen können.
Noch entscheidender sind die inneren Werte-Konflikte: Verschiedene Persönlichkeitsanteile tragen unterschiedliche Werte und Wichtigkeiten in sich. Stimmen sie nicht überein, entsteht ständige Reibung, und daraus Stillstand. Man geht den nächsten Schritt nicht, kommt nicht voran, und im Extremfall kann sich das sogar körperlich zeigen. Aussersdorfer beschreibt es als Konflikt zwischen Kopf und Herz: Das rationale Denken greift auf Gelerntes zurück, während das unterbewusste, seelische Wissen mit zunehmendem Alter stärker drängt. Viele folgen diesem inneren Ruf nicht, aus Sorge, was Gesellschaft, Eltern oder Freunde sagen könnten.
Ungelöste Konflikte nennt er Energieräuber. Die Kraft werde in zwei Richtungen gezogen, das Ergebnis sei Stillstand bei gleichzeitigem Kraftverlust. In die volle Energie komme man erst, wenn die Widersacher aufgelöst sind.
Sichtbarkeit, Ablehnung und der Mut, mit der Torte auf den Marktplatz zu gehen
Coaches, die alles hinwerfen wollen, weil ihre Widersacher gerade die Oberhand haben, rät er, hinter die Angst zu schauen. Hinter der Angst vor Sichtbarkeit stehe oft die Angst vor Ablehnung. Er selbst habe früher viele, auch kritische, Facebook-Beiträge veröffentlicht und dafür Gegenwind bekommen. Das müsse man aushalten lernen: Die eigene Meinung müsse nicht jeder teilen, aber man sollte fähig sein, unterschiedliche Meinungen auszutauschen, ohne in Streit und Stress zu geraten. Allen recht machen könne man es ohnehin nie.
Auch beim Geld gelte Augenmaß. Er erzählt von einem jungen Mann aus Bozen, der sich selbstständig machen will und meint, gute Leute kämen von allein zu ihm. Doch es gebe viele hervorragende Fachleute ohne Umsätze: schlicht, weil niemand sie kennt. Man müsse sichtbar werden, nur eben mit Maß statt blindem Werbe-Aktionismus. Sein Bild dafür: Wer eine tolle Torte macht, sollte damit auch auf den Marktplatz gehen.