Ecken und Kanten runden: Wie Christine Schickinger mit Neurografik innere Widersacher auflöst

Coach Christine Schickinger über ihre eigenen Widersacher, von der Aufschieberitis bis zum Blick am Wegesrand, und wie die Zeichenmethode Neurografik Blockaden im Kopf abrunden soll.

Dieses Interview ist Teil der »Erkenne Deinen Widersacher Challenge«: acht Tage lang sprechen Coaches über die inneren Widersacher, die uns von unseren Zielen abhalten: Glaubenssätze, Wertekonflikte, alte Themen, Angewohnheiten. Gast in diesem Gespräch ist Christine Schickinger, die nicht nur über ihre eigenen Blockaden spricht, sondern auch eine Methode vorstellt, mit der sie diesen Widersachern zu Leibe rückt: die Neurografik.

Coaching mit dem Stift

Christine Schickinger arbeitet als Coach, Trainerin und Dozentin mit Menschen, deren Leben gerade nicht so verläuft, wie sie es sich wünschen. Sie nennt sich selbst »Stifterin«, ein Wortspiel, denn sie arbeitet mit dem Stift. Ihr Angebot reicht vom Business-Coaching über die Neurografik bis zu einer Methode namens »Trust-Technik«, mit der sie mit Menschen und ihren Tieren arbeitet, wenn die Beziehung untereinander schwierig geworden ist.

Ihre Mission hat sie schon vor rund 25 Jahren aufgeschrieben, angeregt durch ein Buch von Stephen Covey über die Merkmale eines effektiven Lebens. Damals wie heute gilt für sie derselbe Satz: Sie sieht das Leben als das größte Geschenk und möchte, dass andere es ebenfalls als Geschenk erkennen. Auf die Frage, wie sie in Erinnerung bleiben will, antwortet sie ohne Zögern: »Sie hat die Menschen zum Lächeln gebracht.«

Der Widersacher am Wegesrand

Ihren überraschendsten Widersacher hat Schickinger erst zwei Wochen vor dem Interview entdeckt, und zwar nicht im Business, sondern beim Reiten. Seit 19 Jahren hat sie ein Pferd und immer ein wenig Mühe gehabt, mit ihm ins Gelände zu gehen. Nach einem Stallwechsel ritt sie erstmals mit einer Freundin aus. Als diese fragte, ob sie die Gegend schon kenne, musste Schickinger passen: Sie hatte keine Ahnung, was am Weg lag. Erst als sie einen roten Schlauch am Wegesrand bemerkte (etwas, das ihr Pferd hätte erschrecken können), wurde ihr klar, dass sie bei jedem Ausritt immer nur nach möglichen Problemen gesucht hatte. Nie hatte sie die Landschaft genossen, immer nur den nächsten Gefahrenpunkt gesucht.

Die Auswirkungen, so erkennt sie, waren gravierend: für das Pferd und für jeden Menschen an ihrer Seite. Wer sich ausschließlich auf mögliche Probleme fokussiert, aus dem kann kein entspanntes Miteinander entstehen. Worauf wir uns konzentrieren, das bestimmt, was wir wahrnehmen und was in unser Leben kommt.

Die Aufschieberitis und der Schneehaufen

Ihr größter Widersacher begleitet sie schon seit der Kindheit: die Aufschieberitis. Sie beschreibt sie mit einem Bild. Eine Aufgabe erscheint zunächst wie ein kleiner Berg. Je länger sie darüber nachdenkt, desto mehr fällt ihr dazu ein, als schiebe sie mit einem Schneepflug einen Haufen vor sich her, der immer größer wird, bis sie den Gipfel nicht mehr erkennt. Und vor so einem Riesenberg lohnt es sich kaum noch, überhaupt anzufangen.

Ihr Gegenmittel ist einfach: aufschreiben. Sobald sie notiert, was zu tun ist, fallen ihr die kleinen Schritte ein. Für ihre Website etwa entstand eine Liste: Fotos zusammensuchen, Texte für die Neurografik-Seite schreiben, Texte für die Technik-Seite, ein Video drehen. Neben jeden Punkt malt sie einen Kreis zum Abhaken. Jeder Haken ist wie eine Schaufel, die vom Schneehaufen abgetragen wird. Und häufig, sagt sie, stellt sich dabei heraus: Der riesige Haufen war eigentlich gar nicht so groß.

Neurografik: wenn Ecken und Kanten rund werden

Kern des Gesprächs ist die Neurografik, eine völlig abstrakte Zeichenmethode. Man bringt ein Thema als unregelmäßige Figur mit Ecken und Kanten aufs Papier, umschließt es eng mit Kreisen und rundet anschließend alle Ecken ab. Der Kreis steht dabei für Harmonie und Unendlichkeit. Wichtig ist nicht das fertige Bild (das gefällt am Ende ohnehin, betont Schickinger, auch bei Menschen ohne künstlerische Vorbildung), sondern der Prozess. Denn die Methode wirke direkt auf die neuronalen Verbindungen: Jede Ecke, die man auf dem Papier abrundet, runde man auch im Kopf ab, und das unangenehme Gefühl vom Anfang löse sich nach und nach auf.

Sie räumt selbst ein, dass das »spooky« klingt und dass sie es ohne eigene Erfahrung nicht geglaubt hätte. Als Beispiel nennt sie eine Teilnehmerin, die mit starken Kopfschmerzen kam und nach etwa zehn Minuten Kreiszeichnen feststellte, dass die Schmerzen weg waren. Wissenschaftlich belegt sei das noch nicht: Die Neurografik ist rund fünf Jahre alt, stammt aus Russland und wird dort inzwischen als Fachrichtung anerkannt; weltweit zeichnen etwa 20.000 Menschen, fertige Studien gibt es aber noch nicht, nur Erfahrungsberichte. Wer die Methode für sich nutzen will, sollte allerdings erst die »Grammatik« lernen, über einen Basiskurs. Ohne dieses Wissen sei es, als setze man einen Fahranfänger in ein 400-PS-Auto.

Fokus finden und Hilfe annehmen

Neben der Aufschieberitis nennt Schickinger einen zweiten Widersacher: Sie sei ein »Hyperscanner«, den fast alles interessiert. Sich zeitweise zu fokussieren, falle ihr schwer. Sie setzt sich deshalb Zeitrahmen, in denen ein Thema im Mittelpunkt steht. Der Interviewer empfiehlt ihr dazu die Pomodoro-Technik mit ihren 25-Minuten-Abschnitten.

Zum Thema Scheitern hat sie eine eigene Haltung: Sie definiert ihre Ziele bewusst nicht zu eng, sodass sie meist einen Weg findet, warum etwas trotzdem gut war, auch wenn sie am Ende einräumt, durchaus mit smarten Zielen zu arbeiten. Ihre wichtigste Botschaft für Coaches in einer schwierigen Situation aber lautet: sich Unterstützung von Menschen holen, die wissen, was sie tun. Ein Coach, der selbst keine Coachings in Anspruch nimmt, sei wenig glaubwürdig. Sie selbst holte sich eine Gründungsberatung, weil sie diesen Schritt zum ersten Mal ging (gerade seit einem Monat ist sie hauptberuflich selbstständig). Und so plädiert sie auch beim Streit um online oder offline für ein »Und« statt ein »Entweder-oder«: Die persönliche Arbeit im Raum bleibt für sie unersetzlich, während digitale Formate Reichweite schaffen und CO₂ sparen.


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