Tu, was du wirklich willst: innere Widersacher und Güte mit sich selbst

Coach Christina Emmer spricht im Interview zur Widersacher Challenge über blinde Flecken, die Angst vor der eigenen Größe und warum eine ehrliche Positionierung nicht einschränkt, sondern sichtbar macht.

Dieses Interview eröffnet die „Erkenne Deinen Widersacher Challenge”. Als Mit-Veranstalterin der Reihe gibt Coach Christina Emmer darin sehr persönliche Einblicke in die inneren Kräfte, die Menschen von ihren Zielen abhalten: von blinden Flecken bis zur Angst vor der eigenen Größe.

Was ein Widersacher ist

Widersacher, so ordnet es das Gespräch ganz zu Beginn ein, sind das, was zwischen einem Menschen und seinem Ziel steht: die Missgeschicke und Dinge, die einen davon abhalten, das Ziel zu erreichen. Christina Emmer versteht sich als Coach, der Menschen in die richtige Positionierung bringt, oder anders gesagt: an den richtigen Platz in ihrem Leben. Im Kern gehe es immer darum, herauszufinden, was man wirklich wirklich will und wirklich wirklich gut kann, und wie man beides in die Welt bringt.

Tu, was du wirklich willst

Auf die Frage, wofür sie einmal in Erinnerung bleiben möchte, nennt Christina zwei Sätze, die sie seit ihrer Kindheit begleiten. Der eine stammt von ihrer Mutter, die ihn ihr aufschrieb, als sie Liebeskummer hatte: die Haltung, dass jeder Tag die Chance in sich trägt, etwas Schönes zu werden. Der andere ist die Inschrift des Auryn aus Michael Endes „Die unendliche Geschichte”: „Tu, was du willst.”

Diesen Satz deutet sie bewusst um. Gemeint sei nicht, den Dingen zu folgen, die gerade Spaß machen, nach dem Lustprinzip. Die eigentliche Botschaft laute: tu, was du wirklich willst, was wirklich aus dem Herzen kommt. Sie würde gern als jemand in Erinnerung bleiben, der seinen Weg herzlich gegangen ist und ein paar Menschen dazu inspiriert hat, es ihm gleichzutun.

Dankbarkeit auch für das Schwere

Christina beschreibt sich als grundsätzlich sehr dankbaren Menschen, dankbar für viele Kleinigkeiten im Alltag: dass morgens die Sonne scheint, dass sie in die Natur hinausgehen, aufwachen und atmen kann. Sie habe aber auch gelernt, für Dinge dankbar zu sein, die auf den ersten Blick nicht so schön waren. Sie hatte eine Mutter, die zwar keinem Idealbild entsprach, ihr aber viel Wärme und wertvolle Werte mitgegeben hat, und einen Vater, der sich ihr ganzes Leben lang nicht gekümmert hat. Sie wäre heute nicht dort, wo sie steht, wenn nicht alles genau so gewesen wäre. Auch für Schicksalsschläge dankbar zu sein, sei etwas, das man lernen dürfe. Das sei nicht von Anfang an so gewesen; früher habe sie sehr viel mehr gehadert als heute.

Der überraschendste Widersacher: ein blinder Fleck

Als einen ihrer überraschendsten Widersacher schildert Christina ein Erlebnis von wenigen Wochen zuvor: Plötzlich gewann der Wert Sicherheit Priorität, ausgerechnet bei ihr, die Freiheit lebt und in einem Wohnmobil wohnt. Erst als Holger im Gespräch das Wort „Sicherheit” einbrachte, wurde ihr der blinde Fleck bewusst. Faszinierend sei, wie man selbst gar nicht merkt, was eigentlich los ist.

Entdeckt würden solche Widersacher meist durch andere, die einen Hinweis geben: einen Coach, einen Gesprächspartner. Im ersten Moment möge man das nicht hören. Ihr helfe es sehr, dann schnell über sich selbst lachen zu können. Ebenso wichtig sei es, sich selbst gegenüber gütig zu sein. Als Beispiel nennt sie sich als Mutter: Sie sei nicht perfekt, fahre auch mal ihre Kinder an, und es gebe keinen besseren Trainer im Leben als die eigenen Kinder. Statt sich fertigzumachen, sage sie sich lieber mit einem Grinsen: „Ist jetzt nicht so optimal gelaufen, machen wir beim nächsten Mal besser.”

Die Angst vor der eigenen Größe

Nach der Challenge steht Christinas nächstes großes Vorhaben an: das Jahresprogramm „Die Magie des Schreibens”. Auch dort hätten sich Widersacher aufgetan. Einen habe sie kurz vor dem Interview entschlüsselt: ihre Angst davor, sich selbst zu überschätzen. Sie gehe deshalb nicht wirklich in ihre Größe, aus Sorge, andere könnten fragen, wofür sie sich eigentlich halte. Das habe sie daran gehindert, ihre Arbeit so zu kommunizieren, wie sie es eigentlich wollte. Das Schöne sei: Wer solche Muster erkennt, kann sie aufarbeiten. Inzwischen fühle sie sich startklar für das Programm.

Positionierung schränkt nicht ein

Der These, eine schlechte Positionierung passiere nur unreflektierten Menschen, widerspricht Christina klar: Sie passiere jedem, reflektiert oder nicht. Besonders oft sehe sie sie bei Menschen, die vielseitig interessiert sind und sich nicht festlegen wollen, weil ihr Thema vermeintlich zu groß sei. Positionierung schränke aber nicht ein. Es gehe nicht darum, alles wegzustreichen, was man tut, sondern eine bestimmte Sache zu zeigen, für die man greifbar wird und in Erinnerung bleibt, also Profil zu zeigen.

Auch sie selbst sei an der Positionierung schon gescheitert, sonst wäre es nicht ihr Thema. Nach außen wirke sie mitunter chaotisch, sie selbst nennt es lieber flexibel. Nie geändert habe sich der innere Kern, den sie „persönliche Ausdrucksform von Liebe” nennt: die Essenz, die man in die Welt bringt. Repositionierung dagegen gehöre dazu und passe sich mit der Zeit an; Positionierung einmal fürs ganze Leben festzulegen sei utopisch.

Wenn es gerade nicht läuft

Coaches, die eine schwierige Zeit durchmachen, gibt Christina mit, dass schwere Phasen ein völlig normaler Bestandteil jedes Unternehmertums sind, anders als das ewige „Strahlen, Strahlen, Strahlen” und die Laptop-am-Strand-Bilder es suggerieren. Selbst die besten Unternehmer seien schon pleitegegangen, nicht nur am Anfang, sondern auch nach Jahren, weil sich Märkte ändern. Wenn es nicht läuft, heiße das nicht, dass man ein schlechter Coach ist, nur dass man ein paar Stellschrauben verändern muss.

Gerade dann kämen die Selbstzweifel. Manchmal könne es gut sein, sich zwischendurch wieder einen Job zu suchen. Man solle sich nicht einreden lassen, das mache einen zum Verlierer. Menschen seien unterschiedlich belastbar; es gehe darum, mehr auf sich selbst zu hören und zu akzeptieren, dass das, was gerade passiert, in Ordnung ist. Ihr Schlusswort: Hab den Mut, halte durch, tu, was du willst, aber nicht um jeden Preis. Manchmal tue es einfach gut, jemanden an der Seite zu haben, der sagt: Du schaffst das, es geht weiter.


Weiter auf der Reise in den Schatten