Aufschieberitis und der innere Schweinehund: wie Catrin Grobbin verborgene Widersacher entlarvt

Diplom-Psychologin Catrin Grobbin erklärt in der Widersacher Challenge, warum wir aufschieben, was der innere Schweinehund wirklich will und wie ein verborgener Widersacher ihre eigene Promotion jahrelang ausbremste.

Im Rahmen der „Erkenne Deinen Widersacher Challenge” hat Holger Theymann Diplom-Psychologin Catrin Grobbin interviewt, eine Expertin für ein Thema, das jeder kennt: das Aufschieben. Was aussieht wie ein harmloses „mach ich morgen”, ist bei genauem Hinsehen ein ganzes Geflecht innerer Widersacher. Grobbin zeigt im Gespräch, wie man sie erkennt und was man von ihnen lernen kann.

Ein Thema, das aus einer Diplomarbeit wurde

Grobbin arbeitet seit rund zehn bis fünfzehn Jahren als Trainerin und Coach und hat sich dabei schwerpunktmäßig auf Prokrastination spezialisiert. Zu dem Thema kam sie ursprünglich über ihre Diplomarbeit: Gemeinsam mit einer Freundin suchte sie damals im Studentenwohnheim nach einem Thema und stellte fest, dass es zum Aufschieben kaum etwas gab. Aus der Diplomarbeit wurde eine Doktorarbeit, die sie bis heute nebenberuflich weiterschreibt.

Dass sie sich so lange mit dem Thema beschäftigt, liege aber nicht nur an eigener Aufschieberei, betont sie. Es seien vor allem äußere Umstände gewesen, die dazwischenkamen, etwa die Gründung einer Familie. Ihre Motivation, die Promotion überhaupt anzufangen, habe sich über die Jahre fast vollständig aufgelöst; heute bringe sie sie vor allem deshalb zu Ende, weil sie schon so nah am Ziel sei.

Der überraschende Widersacher

Besonders eindrücklich ist Grobbins Beispiel für einen Widersacher, der aus der Tiefe auftaucht. In ihren Trainings lässt sie manchmal das „innere Team” erheben und probierte diese Übung einmal an sich selbst aus. Dabei meldete sich eine Stimme, die sagte: „Aber ich wollte doch die fertige Arbeit meiner Mama zeigen.” Ihre Mutter war jedoch bereits verstorben. Erst durch diese Übung wurde ihr klar, wie sehr dieses verborgene Motiv sie über Monate ausgebremst hatte.

Für Grobbin ist das kein Einzelfall. Gerade die Dinge, die sich nicht von selbst melden, sondern erst bei der richtigen Frage oder im passenden Rahmen hochsteigen, tragen oft eine besonders wichtige Botschaft. In ihren Coachings erlebt sie regelmäßig, dass Menschen mit dem Wunsch nach Zeitmanagement kommen, und dann ein ganz anderer, tiefer liegender Widersacher zum Vorschein kommt.

„Ich dürfte nicht so sein, wie ich bin”

Ihren größten eigenen Widersacher beschreibt Grobbin als den Gedanken, sie dürfe nicht so sein, wie sie ist: sie müsse auf eine bestimmte Art sein, um richtig zu sein und akzeptiert zu werden. Ein paar Jahre habe sie sich damit gequält, bis sie erkannte: Am besten ist sie genau so, wie sie ist. Ganz verschwunden sei dieser Widersacher bis heute nicht; besonders bei Gegenwind rutsche man leicht zurück. Der Schlüssel liege darin, es zu bemerken und offen anzusprechen.

Im Gespräch wird daraus ein größeres Thema: Rollen und Prägungen, die über Generationen weitergegeben werden. Grobbin bestätigt Holgers Beobachtung, dass jede Generation die Muster ein wenig abschwäche, sie aber unterschwellig weiterwirken, manchmal nur noch als Blick. Wer sie loswerden will, müsse sehr bewusst und aufmerksam sein.

Den inneren Schweinehund an die Leine, nicht in den Käfig

Statt gegen den inneren Schweinehund zu kämpfen, plädiert Grobbin dafür, ihn erst einmal kennenzulernen, an die Leine zu legen und sich mit ihm anzufreunden. Denn er achtet auf Ressourcen, Grenzen und Dinge, die uns wichtig sind. Wer diese Anteile ins Boot holt und transformiert, hebe einen Schatz, statt einen Gegner einzusperren. Der Schweinehund stehe letztlich für unsere Gewohnheiten: für das, was immer funktioniert hat, aber nicht mehr zu dem Leben passt, das wir heute führen wollen.

Warum wir wirklich aufschieben

Die Gründe für Aufschieberitis seien bunt, so Grobbin. Zu den Klassikern gehörten Perfektionismus und ein hoher Anspruch: Wer nicht weiß, wie er etwas perfekt hinbekommt, lässt es lieber gleich. Dazu kommt die Angst vor Bewertung. All diese Emotionen führten in die klassische Stressreaktion, und Stress sei der Killer für Kreativität, weil der präfrontale Kortex unter Druck kaum noch arbeite. Das Gehirn schalte dann auf „nichts wie weg hier” um: essen, schlafen, Netflix, Hauptsache raus aus der Situation.

Auch Ärger und Trotz gehörten dazu, etwa bei der Steuererklärung, sowie Verwirrung, wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll. Besonders heikel werde es, wenn der Selbstwert an einer Aufgabe hänge, etwa beim Schreiben eines Buches. Hänge das eigene Gefühl von Wert davon ab, wie gut das Buch wird und wie andere es finden, blockiere das enorm. Die bessere Strategie: einfach anfangen und schauen, was herauskommt.

Fühlen, Unterstützung, Handwerkszeug

Ihr wichtigstes „Heilmittel” formuliert Grobbin als Psychologin klar: Der Weg gehe immer durch das Gefühl. Dazu brauche es Unterstützung (Freunde, Coaches oder eine Gruppe), gerade wenn es nicht gut läuft, und das richtige Handwerkszeug, um ins Tun zu kommen, statt auf die perfekte Stimmung zu warten. Prokrastination treffe Einzelkämpfer stärker als Teams; die häufigste Rückmeldung ihrer Teilnehmer sei, wie gut es tut, in der Gruppe zu hören, dass es anderen genauso geht.

Ihre Botschaft an Coaches in schwierigen Zeiten passt zur Challenge: sich mutig den Dingen stellen, die aufploppen, den eigenen Weg gehen und sich dabei so viel Unterstützung holen wie möglich: dann wird das schon laufen.


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