In den Fluss kommen: Warum innere Widersacher hilfreiche Verbündete sind
Die systemische Coachin Anke Schubert Hinrichs erklärt, warum innere Widersacher keine Feinde, sondern missverstandene Verbündete sind, und wie Körper, Struktur und ein liebevoller Umgang helfen, wieder in den eigenen Fluss zu kommen.
Dieses Interview ist Teil der „Erkenne Deinen Widersacher Challenge”, einer Reihe von Gesprächen mit Coaches über die inneren Kräfte, die uns von unseren Zielen abhalten. Zu Gast ist die systemische Coachin Anke Schubert Hinrichs, von vielen liebevoll „Schuby” genannt, die seit über 30 Jahren im Pfälzer Wald lebt und seit 2005 Menschen dabei begleitet, in ihren eigenen Fluss zu kommen.
Was Widersacher überhaupt sind
Widersacher zeigen sich immer dann, wenn man ein Ziel hat, vielleicht schon länger als seit gestern, und trotzdem aus den unterschiedlichsten Gründen nicht dort ankommt. Die guten Vorsätze scheitern, ständig kommt etwas dazwischen: der Computer, der noch eingerichtet werden muss, der Versicherungsfall, das, was gerade runterfällt. Genau diese Störungen sind für Anke Schubert Hinrichs Symptome für Widersacher im eigenen Leben. Ihre zentrale Haltung dazu ist überraschend versöhnlich: Widersacher seien hilfreiche Leute, die sich nur umständlich verbreiten. Sie laufen selten mit einem Schild an der Stirn herum, und deshalb ist es oft eine größere Überraschung, wenn man plötzlich versteht, was einen wirklich aufhält.
Verkaufen und die innere Mannschaft
Als systemische Coachin arbeitet sie vor allem mit selbstständigen Menschen und mit Menschen in herausgehobenen Positionen, für die es darum geht, die eigene Leistung darzustellen und zu verkaufen. Verkaufen ist für sie nichts Negatives: Man hat ein tolles Angebot, und die anderen sollen davon erfahren, nicht mehr und nicht weniger. Doch genau hier meldet sich die innere „Mannschaft” zu Wort, eine ganze Crew an Stimmen, die flüstert: „Das darfst du nicht sagen, geh den Leuten bloß nicht auf die Nerven mit deinem Angebot.” Diese inneren „Teenies” sind für sie ein typisches Beispiel dafür, wie Widersacher uns im Business konfrontieren.
Überraschungen aus der eigenen Geschichte
Seit 2008 beschäftigt sich Anke Schubert Hinrichs intensiv mit ihren eigenen Widersachern. Ein früher innerer Anteil fühlte sich zunächst streng und zugeknöpft an, fast wie eine Lehrerin; über die Jahre hat er sich in ein liebevolles Teammitglied verwandelt, das zwar manchmal nervt, mit dem sie aber in den inneren Dialog gehen kann, wenn sie fragt, was es wirklich will. Ihre größte Überraschung kam von außen, aus der Genogramm-Arbeit: Es stellte sich heraus, dass bereits die Großmutter mütterlicherseits Themen hatte, die sie selbst in bestimmten Situationen immer wieder ausbremsten. Als sie das erkannte, konnte sie damit arbeiten und sich klarmachen, dass man weder in den 20er- noch in den 50er-Jahren, sondern im Hier und Jetzt lebt. Als Coachin kannte sie solche Muster aus der Theorie; sie am eigenen Leib zu erleben und zu spüren, welche Energien das freisetzt, beschreibt sie als grandios.
Ein ganzes Rudel statt ein Schweinehund
Ihr Team hat auch eine humorvolle Seite. Statt vom klassischen inneren Schweinehund spricht sie von einem „Rudel”: Ihr innerer Schweinehund heißt Rudolf, dazu kommt China: gleich zwei, also ein ganzes Rudel. Weil sie zu jener Zeit eine Labrador-Hündin hatte, wusste sie, wie man mit der jeweiligen Wesensart umgeht. Ihr Rudel ist erstaunlich gut darin, sie immer wieder zum Spielen einzuladen, statt das zu tun, was gerade ansteht. Also braucht es Regeln, und umgekehrt kann sie das Rudel nutzen, um sich in Pausen, Kreativität und Freude zu bringen. Der Umgang ist bewusst spielerisch, nicht kopfgesteuert: Nimmt man dem Widersacher die Angst, reagiert das System sofort, schneller als das bewusste Denken. Passend dazu verweist sie auf die Herz-Intelligenz: dass es rund ums Herz Nervenzellen und einen starken Informationsfluss zwischen Herz und Hirn gibt, den inzwischen auch die Wissenschaft messbar gemacht hat.
Struktur als Geländer
Struktur hält Anke Schubert Hinrichs für ein wichtiges Mittel, aber niemals um ihrer selbst willen. Struktur, die nur um sich selbst kreist, wie sie es in vielen Firmen erlebt, findet sie sogar schädlich. Richtig eingesetzt sei sie dagegen ein Geländer, an dem man sich festhalten kann und an dem auch der Kopf mitgeht: „Ich weiß, was jetzt passiert.” Gerade als Unternehmerin braucht man den Kopf für Strategie und Planung, und je komplexer die Angebote und je mehr Kunden, desto mehr helfen Struktur und Konzept, für die eigene und für die äußere Verlässlichkeit. Denn niemand arbeitet gern mit Menschen zusammen, auf die kein Verlass ist.
Vom Reden ins Tun
Zwei Projekte treiben sie aktuell an. Brandneu ist ihr eigenes „Business-Fluss-Spiel”, ein virtuelles Spiel, aus dem im Folgejahr ein Brettspiel werden soll: eine Idee, die acht Jahre auf ihrer Agenda stand und die sie nun voller Vorfreude umsetzt. Ihr großes Projekt ist ein einjähriges Business-Fluss-Mastermind-Programm für eine Gruppe von maximal 24 Menschen, mit wöchentlichen Live-Calls, Webinaren und Gruppen-Coaching, auf strategischer Ebene ebenso wie auf Herz- und Intuitionsebene. Der Kern: Viele reden nur und machen dann nicht. Hier geht es ums Tun, in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die sich zeitnah gegenseitig stützen.
Ihre Botschaft für schwierige Zeiten
Systemisch betrachtet gibt es für sie keine Schuld und keine einfache Ursache-Wirkung, sondern nur Wechselwirkung zwischen innen und außen, und dazwischen tauchen Widersacher auf, die einflüstern, man könne ohnehin nichts tun. Ihre wichtigste Botschaft an Coaches in schwierigen Zeiten ist deshalb doppelt: Wer am Anfang steht, soll den Mut zu ganz kleinen Schritten haben, um positive Referenz-Erlebnisse zu sammeln. Und wer als Profi eine Delle erlebt, soll wissen, dass das zum unternehmerischen Risiko gehört und jeder es kennt. Ihr Rat: sich Begleitung und Unterstützung holen (auch von Mensch zu Mensch im Freundes- und Kollegenkreis), gut für sich selbst sorgen und nur so viel Business machen, wie gerade gut gelingt. Denn ausgerechnet das, was Coaches ihren Klienten schenken, fällt ihnen bei sich selbst oft am schwersten.